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20. Kapitel
„Also war Torsten Berger auch ersetzbar.“
Ludger Willing strich sich verlegen durchs Haar. Er war sich so sicher gewesen, in seinem Finanzminister den Kopf des Komplotts gefunden zu haben. Mit seiner Leiche war dieser Verdacht wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen.
„Wie weit sind Sie mit diesem Schlagmann gekommen?“
Konrad Bechermanns Stimme verriet Neugier. Auch ihm schien die Zeit wegzulaufen. Seine Leute kamen zwar mit ihren Ermittlungen weiter, aber das Bild, das sie mühsam zusammenbastelten, war noch immer bruchstückhaft. Es fehlte der Akteur an der Spitze und mit ihm das Motiv.
„Es könnte sein, dass er etwas weiß, aber er spricht nicht.“
„Vielleicht hat er Angst. Das könnte sich jetzt, nach dem Tod seines Chefs, geändert haben, oder meinen Sie nicht?“
Schon möglich, überlegte Willing. Aber es konnte auch sein, dass dieser Mensch jetzt noch mehr Angst hatte, nur nicht mehr vor Berger.
Aber vor wem zum Teufel?
„Und Sie, haben Sie diesen Wagner gefunden?“
Bechermann schüttelte den Kopf.
„Er ist definitiv in Deutschland angekommen. Übrigens nicht allein. Eine Frau Theresa Meininger, Südafrikanerin, begleitet ihn. Interessant dabei ist, dass meine Leute festgestellt haben, dass die Eltern dieser Frau Meininger für den südafrikanischen Geheimdienst im Auftrag der BRICS gearbeitet haben.“
Willing glaubte nicht richtig gehört zu haben. Konnte das Zufall sein? Kaum vorstellbar.
„Und wo ist dieses ominöse Pärchen jetzt?“
„Ich habe keine Ahnung!“
Bechermann brachte den Satz nur mit Mühe heraus. Er konnte sich vorstellen, was sein Gegenüber jetzt dachte, und das war ihm nicht egal.
„Wir hatten sie auf dem Schirm, bis sie Deutschland Richtung Schweiz verlassen haben. Mittlerweile wissen wir von den dortigen Behörden, dass sie dort auch nicht mehr sind.“
„Und was bedeutet das?“
„Ich denke, die beiden sind Profis, ausgefuchste Agenten, oder sie haben Hilfe. Offen gesagt, wenn ich mir die Akte dieses Henry Wagner ansehe, neige ich zu der zweiten Möglichkeit.“
„Aber wer sollte ihnen helfen? Und vor allem, warum?“
Bechermann grinste.
„Denken Sie an die Eltern dieser Frau. Ich vermute, dass es über deren damaligen Verbindungen einen Kontakt zur BRICS gibt. Deren Mitgliedsländer, vor allem Russland und China, haben unsere Reformen von Anfang an mit großem Misstrauen verfolgt. Es scheint, als glauben sie nicht an einen Erfolg, vor allem aber wollen sie natürlich wissen, welchen Einfluss unsere Vorgehensweise für sie selbst und die internationale Sicherheitsstruktur hat. In der Logik der Geheimdienste heißt das, so lange spionieren, bis nichts mehr, egal ob in Politik oder Wirtschaft, geheim ist. Spione mögen keine Überraschungen.“
Willing war beeindruckt, allerdings auf eine unheimliche Weise.
„Und das nennen Sie Logik?“
Er schüttelte den Kopf, dann konstatierte er:
„Auf den Punkt gebracht heißt das also, Sie wissen von deren Aktivitäten, tun aber nichts dagegen?“
„Warum sollten wir. Betrachten Sie es einfach als vertrauensbildende Maßnahme. Was glauben Sie, wie viele andere Geheimdienste sich noch in unserem Land herumtreiben? Oder auch andersherum: Was glauben Sie, wozu wir Ihnen ständig in den Ohren liegen, das Budget für den Bundesnachrichtendienst zu erhöhen?“
Willing hob abwehrend die Hände. Natürlich wusste er, dass die Staaten und Bündnisse sich untereinander argwöhnisch beäugten, aber er hatte angenommen, dass die moderne Kommunikationstechnik diese Aufgabe übernommen und die Spione à la James Bond längst ihren Platz in der Geschichte gefunden hatten.
„Das heißt, Sie werden unser Pärchen nicht auftreiben können?“
„Das heißt es nicht. Wir werden sie finden, ich weiß nur nicht, wann.“
Bechermann runzelte kurz die Stirn, dann beugte er sich über den Tisch zu Willing.
„Im Moment brauche ich meine Leute für Wichtigeres. Wir haben aus der Besatzung unseres Fuhrparkes einen Mann verhaftet, der uns zu einem Ring eingeschleuster Schläfer geführt hat. Wenn es uns gelingt, diese Gruppe so lange unter Kontrolle zu behalten, bis sie aktiv werden, kommen wir vielleicht über diesen Weg an die Drahtzieher heran.“
Willing hatte da seine Zweifel, behielt sie aber für sich. Ein anderer Gedanke schoss ihm durch den Kopf:
„Sagen Sie, ist bei diesen Männern auch unser Herr Schlagmann?“
Bechermann berührte sein Eingabegerät und eine Dateienliste erschien über seinem Schreibtisch. Eine weitere Berührung auf eine der Dateien gab eine Liste frei, die er mit raschem Blick überflog. Er schüttelte den Kopf. „Nein.“
Willing war weder überrascht noch enttäuscht. So dumm war der Kerl nicht, sich bei den Fußtruppen verbraten zu lassen. Wenn er tatsächlich eine Rolle in der Verschwörung spielte, dann sicher in einer Schlüsselposition.
Konrad Bechermann schloss die Datei wieder, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und streckte sich in seinem Sessel. Sein Blick war an Ludger Willing vorbei auf das Fenster, hinaus auf die Silhouette der Stadt gerichtet. So saß er eine Weile und es schien, als hätte er seinen Besucher vor sich vergessen. Willing wollte sich gerade in Erinnerung bringen, als ihn Bechermann plötzlich mit einer unerwarteten Frage überraschte:
„Was denken Sie, Herr Kollege, haben wir in den Jahren unserer gemeinsamen Arbeit viele Fehler gemacht?“
Willing erinnerte sich daran, dass Konrad Bechermann schon mit Beginn der Ratsgründung für sich in Anspruch genommen hatte, unfehlbar zu sein, und an dieser Einstellung hatte sich bisher nichts geändert. Warum also jetzt diese Frage?
Bechermann erwartete eine Antwort und Willing entschied sich für klare Worte:
„Wir haben viel bewegt und deshalb glaube ich, dass wir dabei auch Optionen ignoriert haben, die am Ende vielleicht besser gewesen wären. Das lässt sich im Nachhinein schwer bewerten. Dazu sind die Probleme auch viel zu komplex. Aber für mich ist das nicht das Entscheidende. Auch nicht der mögliche Fehler. Das Entscheidende ist das Ergebnis.“
In Bechermanns Gesicht bewegte sich keine Miene. Er wartete, bis Willing weitersprach:
„Denken Sie nur an die Beamtenreform. Vom alten Bismarck eingeführt, haben wir diesen so genannten Staatsdiener bis 2035 mitgeschleift. Und was hatten wir davon? Gigantische Kosten, sozialen Unfrieden und einen unübersehbaren Leistungsverlust. Und heute? Heute haben wir einen im Wettbewerb stehenden Dienstleistungsapparat, gleichbehandelt wie jeder andere Arbeitnehmerverbund, der den Bürgern für ihre Nöte und Bedürfnisse zur Verfügung steht. Das nenne ich einen Erfolg, auch wenn ich Fehler auf dem Weg dorthin nicht ausschließen kann.“
Bechermann schwieg noch immer. Er schien über Willings Worte nachzudenken.
„Oder denken Sie an die Regierungsneugestaltung. Zugegeben, die Situation, die wir vorgefunden hatten, war Motivation genug zum Handeln gewesen. Da alle Parteien ihre Politik nur noch an Umfrageergebnissen ausgerichtet haben, war es absehbar, dass sie sich am Ende in nichts mehr unterscheiden. Die sinkenden Mitgliederzahlen und ihr Verlust jeglicher Glaubwürdigkeit war nur die logische Konsequenz dieser Entwicklung. Zum Schluss hatten doch alle, egal unter welchem Parteilogo, mit demselben Thema, oft genug mit demselben Text nach dem Wähler geworfen und sich so ad absurdum geführt. Trotzdem war es ein langer Weg gewesen, bis wir die letzten Hardliner aus den alten Machtstrukturen und Netzwerken endlich entfernen konnten. Ja, ich denke, auch da waren Fehler unvermeidlich.“
Konrad Bechermann beugte sich jetzt zu Willing über den Schreibtisch und sagte leise:
„Das meinen Sie also damit, es kommt nur auf das Ergebnis an?“
Ein Lächeln umspielte seinen Mund. Er wirkte plötzlich gelöst, unbeschwert.
„Was denken Sie. Wären die Fehler vermeidbar gewesen, wenn man damals statt auf uns vier auf nur eine Person gesetzt hätte?“
Willing sah erstaunt zu Bechermann. Warum gerade jetzt diese Frage?
Er dachte kurz an den Beginn ihrer Zusammenarbeit. Vier fremde Menschen, jeder Einzelne mit einem klaren Führungsanspruch angetreten, hatten sich schnellstmöglich zu einem Team zusammenzuraufen.
Die Erinnerung an diese Zeit ließ Willing grinsen.
„Nein“, sagte er voller Überzeugung. „Ich finde immer noch, dass die damalige Entscheidung der Nationalversammlung die richtige war.“
Bechermann zuckte nur kurz mit den Schultern. Er schien keine andere Antwort erwartet zu haben.
„Wissen Sie, ich habe bis heute nicht verstanden, wie ein Algorithmus gerade auf mich gekommen ist, und ich gebe zu, es hat auch Zeit gebraucht, die Entscheidung einer Maschine zu akzeptieren. Das ändert aber nichts daran, dass ich in meiner Aufgabe eine Verpflichtung sehe.“
Er unterbrach sich kurz, dann fuhr er, noch immer mit diesem ungewöhnlichen Lächeln, fort:
„Wenn ich den alten Platon bis jetzt richtig interpretiert habe, ist es schließlich das, was er von seinem Philosophenkönig erwartet hat.“
Plötzlich legte er seine Hand auf Ludger Willings Arm und seine Stimme wurde eindringlich.
„Ihnen ist schon klar, dass diese Leute die Macht in diesem Land wollen und dass es dazu nötig ist, uns zu töten!“
Willing schluckte. Es war das eine, sich über eine solche Konsequenz klar zu sein. Etwas anderes war es, mit ihr derart frontal konfrontiert zu werden.
Willing nickte, dann fragte er seinerseits:
„Haben Sie Angst?“
„Vor dem Tod? Nein! Ich habe nur Angst davor, meiner Verantwortung nicht gerecht zu werden.“
Willing verstand.
Was war mit ihm?
Hatte er Angst? Die Antwort fiel ihm nicht leicht.
„Ich habe Angst. Ich möchte leben. Vielleicht liegt es an meinem Alter. Vielleicht muss man erst weit in die Vergangenheit schauen können, um keine Angst mehr vor dem Tod haben zu müssen?“
Bechermann musterte Willing mit eigentümlichen Blicken.
„Sie meinen, irgendwann ist die Sehnsucht nach Neuem, nach Veränderung gestillt und so etwas wie totale Zufriedenheit ersetzt den Wunsch nach mehr?“
In den sieben Jahren ihrer Zusammenarbeit hatten sie sich nicht selten aneinander gerieben. Bechermann war dabei stets seiner Rolle als Egozentriker treu geblieben. Der entspannt lächelnde Kollege, der plötzlich philosophierend vor ihm saß, war für Willing eine neue Erfahrung.
Bechermann fuhr fort:
„Klar, das wäre der natürliche Weg auf der Leiter des Lebens. Wir hätten gut daran getan, es dabei zu belassen.“
Ludger Willing verstand die Anspielung sofort. Ende der zwanziger Jahre hatte es eine breite Diskussion über das neue strategische Ziel der Weltgemeinschaft gegeben. Krieg und Armut hielt man damals für besiegt, folglich musste es neue Intentionen geben. Viele Regierungsvertreter, unterstützt von vor allem amerikanischen Wissenschaftlern, waren der Meinung, dass es nun galt, den Tod zu besiegen. Beispiele aus der Medizintechnik, der Biogenetik und Kinematik sollten die Realisierbarkeit dieses Ziels beweisen, und plötzlich hatte das Thema in den Gremien der verschiedenen Weltorganisationen eine Bühne bekommen.
„Das war so ein Fehler. Wir sind schuld daran, dass es Menschen gibt, die unendliche Angst vorm Sterben haben. Und warum? Weil wir es zugelassen haben, dass sie an ihr ewiges Leben glauben.“
Willing dachte über Bechermanns Worte nach. Wie die meisten seiner Mitbürger hatte auch er sich anfangs auf die Aktivseite des Projektes konzentriert, und die Erfolge der Wissenschaftler und Mediziner waren unstrittig da. Bis ihn ein bekannter Psychotherapeut auf die Kehrseite des Programms aufmerksam gemacht hatte.
„Was, glauben Sie, wird ein Mensch tun, der genau weiß, dass ihn nur ein unvorhergesehenes Ereignis, ein Flugzeugabsturz, ein Autounfall oder ein Raubüberfall um sein kostbares Leben bringen kann?“
Willing brauchte nicht über die Antwort nachzudenken:
„Er wird alles tun, um ein solches Ereignis zu verhindern.“
Der Arzt hatte zufrieden genickt und ihn mit seinen Gedanken zurückgelassen.
Was blieb einem Menschen, dem weder Krankheit noch Zeit etwas anhaben konnte, wenn seine Ängste von ihm Besitz ergiffen und ihm die Fähigkeit raubten, sein Leben zu leben?
Es klopfte an der Tür. Auf ein Zeichen Bechermanns betrat ein junger Mann in Uniform das Büro.
„Wir haben einen der Maulwürfe. Wir konnten ihn ohne Aufsehen aus dem Verkehr zu ziehen.“
„Und, was habt ihr erfahren?“
Bechermann war die Ungeduld anzusehen. Auch Willing blickte erwartungsvoll zu dem Polizeioffizier.
„Es tut mir leid. Es ist nicht viel Brauchbares aus ihm herauszubekommen. Wenn Sie mich fragen, kennt er seine Kumpane tatsächlich nicht. Aber eines wissen wir jetzt: Der Befehl zum Zuschlagen wird über einen Feueralarm ausgelöst.“
Bechermann sah zu Willing.
„Und nun, Herr Kollege, was schlagen Sie vor zu tun?“
Statt einer Antwort wandte sich Willing an den Offizier:
„Wie lange brauchen Sie, um Ihre Männer in Stellung zu bringen?“
„Etwa zwanzig Minuten.“
Willing nickte zufrieden und blickte wieder zu Bechermann.
„Ich denke, wir werden heute noch einen Feueralarm haben.“
Bechermann grinste.
„Das denke ich auch!“
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​[Auszug aus „Perlen der Angst“ 20. Kapitel]